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Mehr Leben in der RGT

Festansprache von Dr. Wolfgang Fritsch zum 125jährigen Vereinsjubiläums der Rudergesellschaft Trier am 16. August 2008

 
Liebe RGT, sehr verehrte Festgäste, liebe Ruderkameradinnen und Ruderkameraden, sehr geehrte Damen und Herren!
 
Für mich ist es eine große Ehre und Freude gleichermaßen, an dieser Stelle und zu diesem Jubiläum ein paar persönliche Gedanken beitragen zu können. Dafür danke ich recht herzlich, allen voran dem Vorsitzenden Ernst Lemmler, der mich darum bat und den auf Regatten zu steuern ich Anfang der 60er-Jahre auch noch das Vergnügen hatte.
Die RGT hat mich nahezu komplett in meinen ersten 20 Lebensjahren begleitet und die Rudergesellschaft – wie der Rudersport generell - hatten einen großen Einfluss auf meinen Lebensweg.
Mit den folgenden Gedanken zum 125jährigen Jubiläum möchte ich aufzeigen, was mich mit der RGT verbindet und umgekehrt verdeutlichen, dass es sich für die Rudergesellschaft lohnt, seinen Mitgliedern Angebote zu machen. Was noch nach nahezu 40 Jahren räumlicher Entfernung zur RGT in Erinnerung geblieben ist, hat auch immer noch eine Bedeutung für mich. Ich möchte die RGT und ihre ehrenamtlichen Helfer und Mitwirkenden ermutigen, die Chancen zum Wohle ihrer Mitglieder, insbesondere der Jugendlichen, zu nutzen.
Doch: Keine Erinnerungen ohne einen Blick in die Zukunft, denn wenn man nicht über seine Zukunft nachdenkt, hat man keine.
Gestatten Sie mir dazu ein paar persönliche Gedanken und Ausflüge in meine Kinder- und Jugendzeit, soweit sie von der RGT geprägt wurden.
 
Was verbinde ich mit der Rudergesellschaft?
 
Im frühen Kindesalter war es vor allem das „alte Bootshaus“, der uns allen unendlich groß vorkommende Bootshausgarten, die riesigen Bäume, Hecken und Sträucher.
Wir (meine Eltern, meine Schwester und ich) wohnten zu Beginn der 50er Jahre im Bootshaus, neben oder über einem Festsaal und über den Bootshallen, von denen heute noch Fragmente stehen. Dieses Bootshaus bot allerlei Geheimnisse, es war total verwinkelt, die Umkleideräume in ihren Zugängen getrennt. Es gab eine Wirtsfamilie, eine Bootshausgaststätte und – soweit ich mich entsinnen kann - eine herrliche Veranda mit Blick auf die Tennisplätze. Für uns Kinder war es wie ein geheimnisvolles Schloss.
Dann gab es eine Unterführung zur Mosel, die bei Hochwassergefahr verbarrikadiert werden konnte. Dort, wo heute das große, Anfang der 60er Jahre neu erbaute Bootshaus steht, gab es einen riesigen Platz, mit fest eingebauten Bootslagerplätzen und ein notdürftig überdachtes Bootslager, in dem alte Boote aus Eichenholz („Wilhelm Rautenstrauch“?) gelagert wurden.
Kurzum: das Bootshaus war ein Paradies für uns Kinder, auch für jene aus der unmittelbaren Nachbarschaft und natürlich für die Ruderer und Tennisspieler. Wir fühlten uns wohl, vor allem auch als Kinder unter den Ruderinnen und Ruderern. Es gab Feste; für uns Kinder besonders spannend waren vor allem Nikolausfeiern für die Clubkinder und -mitglieder, die im großen Saal stattfanden, Karnevalsfeste und große Bälle, die wir als Kinder heimlich von einem Speicher aus über ein Loch in der Decke des Festsaals verfolgen konnten.
Es gab bereits Boote, in denen ich dann 10 Jahre später noch Rennen fahren durfte, wie z.B. die Achter „Danzig“, „Unverhofft“ und der Vierer „Herzig“. Rennrudern war – so kam es mir vor – vor allem für Erwachsene, eine Sache von Vierern und Achtern. Aber fast jeder Verein hatte Vierer- und Achter- Mannschaften auf den Regatten.
Höhepunkte in Verbindung mit dem Rudern und den Ruderern waren in dieser Zeit z.B. zu Ausflugsfahrten in der überdachten Barke mitgenommen zu werden, im Training meinem Vater assistieren zu können (ich durfte das große Blechmegaphon tragen) und ihn im Motorboot begleiten zu dürfen.
Die RGT bot mir und vielen anderen in der Zeit

  • Einen riesengroßen Abenteuerspielplatz
  • Umwelt, Natur („den schönsten Platz an der Mosel“)
  • Beziehungen zu Gleichaltrigen, aber auch Erwachsene
  • Feste, Geselligkeit und Veranstaltungen
  • Einen Zugang zum Rudersport

1956 zogen wir nach Offenbach. Als mein Vater dann Anfang der 60rt Jahre  wieder Trainer und Ruderlehrer in der RGT wurde, wurde ich Rennruderer;  Ruderer war ich ja schon immer. Das war nicht so einfach, denn zu Beginn der 60er Jahre gab es im DRV – Wettkampfwesen erst Rennen für Jugendliche ab 15 Jahren und das auch nur im Gigdoppelvierer. Erst im älteren Junior-B-Jahrgang (nimmt man die Nomenklatur des heutigen Wettkampfsyszems) gab es Rennen in Rennbooten. Es gab noch keine Kindermeisterschaften, die Masse der jugendlichen Mitglieder fanden auch meist erst so ab 14, eher 15 Jahren Aufnahme in der RGT. Dafür waren es sehr viele.
Das Bootshaus wurde neu gebaut, das alte fiel der neuen Zurmaiener Str. zum Opfer. Die Erinnerungen kreisen dabei um die schöne Moselterrasse, meinen „schönsten Sitzplatz“ an der Mosel (auf der Mauer, direkt neben den Umkleideräumen), die Umgestaltung des Geländes, die Werkstatt mit Meister Müller, die sommerlichen Wasserschlachten auf dem Bootsplatz und sonntägliche Ausflugsfahrten nach Hammerfähre, Monaise und die Pennäler-Insel, die uns Jugendlichen einige Male „Bootshausdienst“ (von Bootsmeister Müller verordnet) bescherten, weil wir oft mit Bootsschäden zurückkehrten. Wir Jugendliche mussten dann unter seiner Aufsicht kleinere „Dienste“ verrichten, die nicht selten wieder Anlass zu allerlei Geselligem waren.    
Die Jugendlichen in der Altersgruppe zwischen 12 und 14 bestanden meist aus den Sprösslingen der Mitglieder. Wir waren zu der Zeit glücklich, wenn wir den Renngigdoppelzweier mit sitzendem Steuermann „Sturmvogel“ oder die von Bootsmeister Müller erbauten C-Einer „Kyll“, „Sauer“, „Ruwer“ rudern durften. Auf Regatten kam man in dem Alter nur als Steuermann, was ich dann auch mit meinem Freund Albert ausnutzte.
Uns blieb nichts anderes als unsere Ruderkünste und Kräfte untereinander zu messen. Viele Klassenkameraden kamen nun hinzu und die Trainingsgruppe wuchs stark an. Es wurden „Vergleichskämpfe“ in Form von Vereinsregatten und gegen die Treviris organisiert. Besonders in Erinnerung bleiben die Regattabesuche in Frankreich (Toul, Pont-à- Mousson, Charleville), wo die Regelungen bzgl. einer Rennteilnahme offener ausgelegt wurden. Damals hatte jeder der beiden Vereine ca. 20 Jugendliche auf dem Platz! 
Für mich boten sich in der Zeit auch erste „Erfahrungen“ als Ausbilder. Zwei Klassenkameraden wollten das Rudern erlernen und ich durfte sie im Gigdoppelzweier steuern. Das machte mich stolz!
Es war die Zeit der ersten Freundinnen, der Jugendparties in der RGT, der Vernachlässigung von Schule (das konnte man sich damals noch einigermaßen leisten), des aufkommenden Regattafiebers, Trainingsverpflichtungen, Trainingsentpflichtungsfahrten nach Hammerfähre, der Fahrten zu den Regatten im alten Hanomag und natürlich auch der ruderischen Erfolge auf breitester Ebene mit zahlreichen Mannschaften auf den Deutschen Jugendmeisterschaften und Eichkranzrennen, wie sie damals noch hießen. Unvergesslich auch die Eichkranzrennen (sie heißen heute U-23-Meisterschaften) 1968 in Trier, die am ersten Tag wegen Sturm abgebrochen werden mussten.
Die RGT bot Gesellschaft und Geselligkeit: da gab es die IGAHST (Interessengemeinschaft Altherren-Stammtisch), es gab Oktoberfeste im Bootshausrestaurant, Karnevalsveranstaltungen, wozu die Bootshallen ausgeräumt wurden; es gab eine Kegelbahn, in der an einem Wochentag (ich glaube freitags) meine „geliebten“ Lehrer kegeln durften.
Die Rudergesellschaft ermöglichte mir in dieser Zeit

  • Beziehungen zu Gleichaltrigen, Freundschaften
  • Geselligkeit, Gesellschaft und Anbindung
  • Rennrudern, Erfolge, aber auch weitere
  • Perspektiven des Ruderns, wie Wanderfahrten, Ausbildungserfahrungen…
  • Entwicklung und Übernahme von Verantwortung und Pflichten
  • Eine erfolgreiche und schöne Jugendzeit
  • Ein Zuhause

Die Rudergesellschaft hatte eine „Kultur“, die das Erwachsenwerden nicht nur erleichterte, sondern auch Perspektiven für den späteren Berufsweg eröffnete und soziale Anbindung. Speziell im Rennrudern lernte ich, mir Ziele zu setzen, diese mit Vehemenz zu verfolgen; mich zu überwinden. 
Nach dem Abitur setzte ich meine rudersportlichen Ambitionen in Mainz, und Stuttgart-Bad Cannstatt, Tübingen und schließlich in Radolfzell am Bodensee fort. Nun, im Alter von fast 60 bin ich dem Rudern und der RGT immer noch verbunden: Heute komme ich etwa alle zwei Jahre nach Trier; dieses Jahr jedoch schon das 2. Mal. Und es ist meist das Rudern und die RGT, die mich hierhin treibt: Meist mit Studenten auf Saar-Mosel-Wanderfahrt mit Booten und bester Unterstützung der RGT, speziell von Ernst. 

Mehr Leben in der RGT

 
… -  es würde mich sehr freuen, wenn der Wunsch und Aufruf des neuen Vorsitzenden Ernst Lemmler Unterstützung fände. Der Aufruf zeigt auf, dass es mit der Gemeinschaft und gemeinsamen Aktivitäten unter den Mitglieder besser laufen könnte. Arbeiten sie daran mit, dass dieses Ziel in den nächsten Jahren erfüllt werden kann.
Sicher hat sich die Vereinslandschaft im Sport seit 40 Jahren verändert. Es stehen mehr die individuell-sportlichen Zielsetzungen der Mitglieder im Vordergrund. Vereine konkurrieren mit einer riesigen Vielfalt an kommerziellen Sportanbietern für Erwachsene oder informellen Sportmöglichkeiten für Jugendliche. Es steht der Zweck im Vordergrund.
Ich bin dennoch überzeugt davon, dass Vereine, vor allem auch die RGT ihre Berechtigung über den reinen Sportzweck hinaus haben. Die Erfahrungen und die Chancen, die mir dabei geboten wurden, können in „sportlichen Supermärkten“ oder Ruderleistungszentren nicht geboten werden.
Die RGT ist nicht nur die Summe einzelner Mitglieder, die untereinander mal besser, mal weniger gut „klar“ kommen. Die RGT steht für sich; ihr ist man ein Leben lang verbunden. Gleichwohl hat auch die Rudergesellschaft Pflichten und die möchte ich kurz umreissen in dem bereits angesprochenen Sinne: „Die RGT möge in die Zukunft blicken, sonst hat sie keine“.

  • Die RGT sollte eine Kultur der Gemeinschaft entwickeln.
  • Die RGT muss sich bemühen wieder mehr jugendliche Ruderer auf den Bootsplatz und zum Rennrudern bringen.
  • Die RGT sollte die besonderen Möglichkeiten der Sportart Rudern in seiner Vielfalt nutzen und ein breit gefächertes Angebot schaffen.
  • Die RGT braucht gesellige Veranstaltungen. Man kann ja klein anfangen…
  • Die RGT muss Personen gewinnen, die Verantwortung übernehmen, sei es im Training, in der Ausbildung von Jugendlichen und Erwachsenen und natürlich in der Verwaltungsarbeit für den Verein.
  • Rennrudern ist nicht immer mit Hochleistungssport gleich zu setzen. Die Ziele der RGT im Rennrudern müssen anders ausgerichtet sein als die von Verband und Bundestrainern.
  • Pflegen Sie das Bootshaus als Clubheim, als gesellschaftlichen Ort und als 2. Heimat für ihre Mitglieder.
  • Ermutigen Sie junge Mitglieder, Verantwortung zu übernehmen und übertragen Sie sie auch.

Mit einem Satz:
Die RGT sollte ihren Mitgliedern, vor allem der Jugend die Chancen ermöglichen, die sie mir – ohne sich dessen immer bewusst gewesen zu sein – eröffnet hat.
In diesem Sinne meinen Dank an die RGT und nochmals
 
Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum, in dem beschriebenen Sinne eine erfolgreiche Zukunft und um mit dem etwas abgewandelten Wort ihres Vorsitzenden Ernst Lemmler im letzten Rundschreiben zu enden:
 
Auf – in eine erfolgreiche und gesellige Zukunft!
 
 
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!